Bayernliga-Handball: VfL Günzburg – HSC Bad Neustadt 20:31 (9:19)

Vor 950 Zuschauern verlor der VfL Günzburg nach einer enttäuschenden Leistung gegen den HSC Bad Neustadt. Nichts war von einem Duell der einzig beiden ungeschlagenen Teams der Rückrunde zu spüren. Es war ein Klassenunterschied!

Bei der Einwärmung knisterte es noch. Gleich nach Spielbeginn ging jedoch die uralte Taktik “den Jungen von Anfang an den Schneid abkaufen” auf. Die Rotmilane hatten zuletzt zumindest auswärts schmalere Ergebniskost, manchmal wurde es sogar eng. Doch Günzburg war für sie eine wichtige Etappe auf dem Weg zur Meisterschaft. Man wusste um die schwäbische Handballeuphorie und kannte die jugendliche Günzburger Handballlust. Hoch konzentriert trat der Klassenprimus deswegen auf. Keinerlei

Überheblichkeit bahnte sich Platz. Chrischa Hannawald hatte sein Team fest im Griff.

Der VfL wollte erst schon, doch er traf auf keine normale Bayernliga-Abwehr, es war das Bollwerk einer anderen Klasse. Besonders in der Anfangsphase war die fränkische Defensive der Ausgangspunkt für schnelle Gegenstöße. Ionnis Fraggis nütze gleich den ersten zum 0:1. Auch die Weinroten rannten und rannten, versuchten Routine zu überlaufen, das ging zu Lasten der räumlichen Übersicht. Anstelle auf Lücken zu laufen, ging alles direkt auf die Gegenspieler und die waren auf jeder Position körperlich deutlich überlegen.

Irgendwann war die Gegenstoßmaschine gestoppt, dann kamen die Probleme in der eigenen Defensive dazu. Eine einfache Angriffskonzeption hebelte das VfL-System aus. Auch andere Teams spielen das, aber halt nicht in dieser individuellen Qualität. Kriztian Galli, ein Neuzugang aus Suhl, konnte schalten und walten wie er wollte, erzielte Tor um Tor oder wurde Siebenmeter-reif gefoult. Trainer Hofmeister stellte das Deckungsverhalten um, doch der Gast fand neue Unlösbarkeiten. Natürlich kann man ins Feld führen, dass mit Axel Leix kurzfristig ein Herzstück der VfL-Abwehr ausfiel. Als Ausrede kann das nicht herhalten. Die Abwehr war ein Hühnerhaufen. In der 11. Minute stand es 2:7. Nur Kämpfer Pascal Buck hatte sich bis dahin zweimal erfolgreich durchgetankt.

Ausreichend beschrieben wird die Unterlegenheit aber erst dann, wenn erwähnt ist, dass hinter der HSC-Deckung überragende Torhüter standen. Zumindest aus der frontalen Nahwurfzone bot die Video-Analyse schon Ansatzpunkte für den Torerfolg. Viel zu oft wurde von sechs oder sieben Metern das aller letzte Duell Werfer gegen Torwart verloren.

Das Alles zusammen führte zum 6:13 durch den US-amerikanischen Nationalspieler Gary Hines und dem Verlust der Schlagdistanz. Auch das begeisternde Handballfest, das vor dieser Kulisse möglich gewesen wäre, kochte auf Sparflamme. Kein Mensch möchte seine Handballlieblinge hilflos leidend sehen. Nico Jensen und der stärkste Günzburger an diesem Tag, Michael Jahn, erzielten die nächsten beiden Treffer. 8:13, fünf Tore – im Handball keine Entfernung – ließen leise Hoffnung aufkommen. Doch der Handball-Sportclub kannte keinen Spaß und nahm gleich eine Auszeit. Junge Menschen darf man nicht ins Laufen kommen lassen.

Auch das gelang. Schluss mit Aufholen – voller fränkischer Focus. Die Schwaben liefen nur noch hinterher. 9:19 dokumentierte die Anzeigentafel nüchtern. Zu all den handballspezifischen Problemen hinten und vorne kam mentales Versagen. Es wurde mit dem Schicksal gehadert, dafür ist im Handball allgemein und gegen eine solch überlegene Truppe schlicht keine Zeit. Der Blick muss stets auf die nächste Situation gerichtet sein, wie oft wann verworfen wurde, wer welches Abwehrduell verlor gehört in die Nachbesprechung. Kläglich bei all diesem Spielstress ist die Beschäftigung mit Schiedsrichterentscheidungen. Selbst die Schiedsrichter waren in der Sache konzentrierter und stets auf die nächste Entscheidungsnotwendigkeit fokussiert. Die Günzburger nicht immer, das müssen sie sich vorwerfen lassen.

In der zweiten Halbzeit wurde das Spiel ruhiger. Bad Neustadt veränderte seine Angriffskonzeption, der VfL löste die besser. Die auswärtige Überlegenheit war zwar immer noch deutlich zu spüren, doch die Begegnung wurde nach erlangter Siegesgewissheit ausgeglichener. Die Differenz nie größer als 12 Tore. Beim 18:28 und 19:29 war die zweite Halbzeit wenigstens statistisch noch ausgeglichen – das 20:31 ein gerechtes Endergebnis und mal wieder ein Bad Neustädter Meisterstück auf dem Weg in die Dritte Liga.

Die Günzburger Spieler sollten mit sich unzufrieden sein vor 950 Zuschauern muss bei den eigenen Ansprüchen ein anderes Ergebnis möglich sein.

In jeder Minute war freilich auch zu spüren, dass da ganz andere Etats aufeinander treffen. Lauter selbst ausgebildete Schwaben, die Woche für Woche alles für ihren Sport geben gegen eine ziemlich professionelle, zusammen gestellte Mannschaft aus Deutschland, Europa und den USA: Doch die Günzburger sind jung, ihnen gehört die Zukunft und es wird nicht jedes Jahr eine solche Mannschaft die Bayernliga aufmischen.

Das Drumherum war eine wahre Freude. Viele ehemalige Weggefährten von Chrischa Hannawald kamen zu Besuch. Dank der tollen Preise der “Lauinger Messe” gingen die Frisbees zur Halbzeit weg wie warme Semmeln. Die dritte Theke mit frisch gezapften Bier war zur Halbzeit ausverkauft. Lange wurde im Foyer noch gefachsimpelt. Einziger Wermutstropfen selbst das verloste Fass Bier gewann ein Zuschauer aus Bad Neustadt. Der Stimmung im Bus der Siegreichen dürfte das zusätzlichen Auftrieb gegeben haben.

zur Statistik:

https://bhv-handball.liga.nu/cgi-bin/WebObjects/nuLigaDokumentHBDE.woa/wa/nuDokument?dokument=meetingReportHB&meeting=6277168&etag=2b40bfbf-2e76-4084-8565-da1e07abe031