Nachdem in den ersten beiden Auswärtsspielen jeweils die erste Halbzeit verschlafen wurde, stand in Landshut der VfL Günzburg von Anfang an so auf der Platte wie es sich seine Fans erhoffen: Hellwach, kampfstark, voller Respekt und fokussiert. Natürlich hätte man nach dem Haunstettenspiel auch nach Ausreden suchen können: Schwierige Vorbereitung wegen “Bodenlosigkeit”, dreimal auswärts an den ersten vier Spieltagen, ungewöhnliche Schiedsrichterleistungen, das Wetter (…). Doch Jammern hilft nicht. Erwachsene Leistungssportler müssen mit ungeliebten Umfeldbedingungen umgehen können. Gerade die Anpassungsfähigkeit der Weinroten nach “oben” und in schwierigsten Verletzungssituationen war es, die die Günzburger Handballfans in den letzten Jahren begeisterte. Also genügte nach dem Haunstettenspiel der schonungslose Spiegel, der letztendlich ein VfL-Gesicht zeigte, das die Spieler von sich nicht nicht sehen wollten. Der ungefährdete 25:30-Auswärtssieg (Halbzeit: 15:17) war die richtige Antwort der Mannschaft. Die Erleichterung der mitgereisten Fans und zu Hause am Liveticker war riesengroß. Schließlich ist erfolgreicher Handball in Günzburg eine Samstagabendveranstaltung und Teil des sog. “Schönen Wochenendes”:

Das 1:0 erzielte der Landshuter Florian Obermayr. Ausgeglichen wurde gefightet. Patrick Bieber war ein sicherer Rückhalt und hielt u.a. zwei Siebenmeter. Trotzdem die TG zumeist ein Tor vorlegen konnte, hatte man schon in der Anfangsphase das Gefühl, dass die VfL-Abwehr an diesem Tag dem Spiel ihren Stempel aufdrückt. In der 20. Minute dann eine Szene, die an den Handball der 80er-Jahre erinnerte als Angriffsspieler eine Art Freiwild waren. Ein Landshuter Spieler ließ sich gegen VfL-Spielmacher Nico Jensen zu einer üblen Tätlichkeit hinreißen. Damit aber nicht genug: Auch im Fallen löste er den Griff nicht gegen den völlig Verdutzten. Da dies das Maß erträglicher Aggressivität völlig überschritt: Rudelbildung, Spielunterbrechung, Kraftprotzerei, Szenen, die kein Mensch sehen will. Da Handballer hoch intelligente Menschen sind, dauerte es keine zehn Sekunden bis der gesunde Menschenverstand Herr der Szene wurde. Dann kam die Zeit der Regelgerechten. Anstelle dem Verursacher die Blaue Karte zu zeigen wie es für Tätlichkeiten dieser Art vorgesehen ist, bahnten sich die Gedanken Nathan des Weisen Bahn und Nico Jensen als auch der Landshuter Übeltäter erhielten rot. Zwar haben Schiedsrichter kraft Amtes immer recht, dennoch war das unverhältnismäßig. Der Landshuter Trainer Markus Böhner entschuldigte sich für den Vorfall. Das war fair und trug zur Deeskalation bei.

Der VfL war plötzlich ohne Regisseur, blieb aber konzentriert. Nach dem 11:11 durch Pascal Buck konnten die Günzburger immer wieder mit einem Treffer in Führung gehen. Der erste Zwei-Tore-Vorsprung gelang aber erst in der 30 Minute. Jakob Hermann mit einem 90-Grad-Dreher und Michael Jahn mit einem Rückraumkracher schafften die 17:15-Führung zur Halbzeit.

In der Kabine gab es dann einiges zu besprechen. Routinier Manuel Scholz musste nun schließlich das Spiel organisieren, gar nicht einfach bei den vielen kleinen Freiwurftricks. Doch auch in dieser Rolle fühlte sich der clevere Schwabe sichtlich wohl. In der 35. Minute stand es 16:18. Dann bereits fiel die Entscheidung. Die VfL-Defensive machte zu. Die Spieler der Turngemeinde kamen nicht mehr durch. In den nächsten sieben Minuten gelang ein 5:0-Lauf. Das 16:23 in der 42. Minute durch einen sehr starken Raphael Groß, der endlich einmal wieder seine Torjägerqualitäten unter Beweis stellte, war ein sicherer Vorsprung. Irgendwie wirkten die Gastgeber auch müde: Das Mittwochspiel steckte ihnen deutlich stärker in den Knochen als den VfL-Spielern. Ein siebter Landshuter Feldspieler, einfache und doppelte Manndeckung gegen Manuel Scholz und Michael Jahn brachte keine Vorteile.

Spannung kam dann noch einmal in der 53. Minute auf als Michael Jahn beim Stande von 21:26 wegen eines Allerweltfouls eine Überraschungs-Rote-Karte bekam. Das bedeutete doppelte Unterzahl und macht selbst einer mittlerweile überlegenen Mannschaft noch einmal Schwierigkeiten. Zwei Tore durch Matthias Müller bedeuteten beim 23:26 Schlagdistanz. Es war auch der Zeitpunkt, da die Schwaben mit feinsinnigen Kunstwürfen am harten Holz scheiterten. Doch Jonas Lehr blieb arg cool und beseitigte mit seinem 23:27 die letzten Zweifel.

Das 25:30 war ein in der Höhe verdientes Ergebnis. Es dürfte dem Fair-play-Spieler Nicolai Jensen Trost sein nach der Tätlichkeit, der roten Karte und dem unverschuldeten Zuschauen-Müssen.

Der VfL Günzburg bedauert es sehr, dass das bayrische Schiedsrichterwesen im Gegensatz zu anderen Landesverbänden und der JBLH keinerlei Wert auf die Mitarbeit der betroffenen Vereine setzt und beispielsweise eine Vereinsschiedsrichterbeobachtung einführt um irgendein Feedback zu bekommen oder vielleicht auch Fehleinschätzungen der Vereine zu korrigieren. Regelfachleute sind die Schiedsrichter, vermutlich haben sie auch meistens recht. Kein Dialog schafft aber Distanz und Missverständnisse.

zur Statistik:

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