Bericht der Günzburger Zeitung

Test gegen Göppingen: Ein Fest für die Fans, eine Zerreißprobe für Günzburg

Bayernligist Günzburg verliert den Test gegen den Bundesligisten Göppingen. Das überdeutliche 21:48 hat viele Ursachen. 600 Zuschauer haben trotzdem Spaß.


Noch lange nach dem schweißtreibenden Spektakel standen die Günzburger Handballer Daniel Jäger und Nicolai Jensen auf dem Spielfeld und fachsimpelten mit Jacob Bagersted. Der wuchtige Kreisläufer des Bundesligisten FA Göppingen hatte soeben zwei Tore zum überdeutlichen Testspiel-Erfolg seiner Mannschaft beim Bayernligisten beigetragen. Das von der schmucken Anzeigentafel abzulesende 21:48 war in diesen Augenblicken nur noch Randnotiz. Als entscheidend empfand Jäger: „Für uns war das ein Highlight, ein Geschenk für die vergangene Saison.“

So sah es auch die heimische Handball-Familie an diesem heißen Dienstagabend. Allzu viel Anlass zur Kritik am drastisch offenbarten Unterschied zwischen erster und vierter Spielebene bot sich angesichts des vorgegebenen Rahmens auch nicht. Die Göppinger stehen noch voll im Saft, bestreiten erst am Sonntag ihr Bundesliga-Finale. Die Günzburger dagegen hatten seit ihrem Saisonabschluss Frühlingspause und stiegen erst einen Tag vor der Partie ins Vorbereitungstraining ein. Und das unter dem neuen Coach Gabor Czako, der die Mannschaft und die besonderen (eventuell noch verborgenen) Talente jedes einzelnen Spielers erst kennenlernen muss. Jensen hatte also völlig Recht, wenn er diese Faktoren als Ursachen für die klare Niederlage in der Rebayhalle verwendete. Und Jäger meinte: „Das war kein repräsentativer Gegner. Da waren alle Unterschiede auf dem Feld, die nur da sein können.“

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Scharf gestellt: Eine Zuschauerin fotografiert nach der Partie den Göppinger Jens Schöngarth und VfL-Kreisläufer Daniel Jäger, der mit sechs Treffern erfolgreichster Günzburger Werfer war. Bild: Bernhard Weizenegger

Foto-Jagd nach dem Schlusspfiff

Den 600 überwiegend jugendlichen Zuschauern gefiel es dennoch. Göppingen präsentierte sich ernsthaft und spielfreudig. Manchmal übertrieben es die körperlich dominanten und brutal athletischen Profis ein wenig mit der Schönspielerei, die Grenze zur Überheblichkeit überschritten sie aber nie. Und ihr Auftreten bei der Selfie-Jagd nach dem Schlusspfiff war wirklich super-sympathisch.

Nicolai Jensen nimmt Textilattacke mit Humor

Wie ein Bundesligaspieler hinlangt, musste Jensen schon nach wenigen Sekunden erleiden: Sein Trikot mit der Nummer 14 blätterte nach einer beherzten Textilattacke des Dänen Bagersted zerfetzt vom Körper des Günzburger Gestalters. Jensen spielte mit frischem Tuch und der 11 auf dem Rücken weiter. Später sagte er grinsend über seinen Kontrahenten in dieser Szene: „Der hat sich wohl gedacht, es gibt nur eine 14 auf dem Feld.“

So lange die Einspielphase der Gäste dauerte, wehrten sich die Günzburger mit beachtlichem Erfolg. Jonas Lehr gelang per Siebenmeter das erste VfL-Tor, Sekunden später stibitzte Raphael Groß mit einem Hechtsprung den Ball vor den fangbereiten Händen von Tim Sörensen; es gab Szenenapplaus. Torwart Patrick Bieber hielt ein paar harte Würfe, vorne trafen verschiedene Weinrote. Bald stand es hoffnungsvoll 4:5 (10.) – und danach ging’s dahin. Urplötzlich klafften Tempo-Welten zwischen beiden Mannschaften. Schnell stand es 5:11 (16.), kurz danach 5:15 (19.) und erst Jensen beendete die ewig lange Torlosigkeit mit dem Treffer zum 6:18 (22.). Es war die einzige Phase, in der die VfL-Jungs ein wenig die Lust zu verlieren schienen. Immer wieder liefen sie gegen die Abwehr-Wand der Württemberger. Jäger traf noch zum 7:21 (27.) und nach einem Klasse-Zuspiel des Neuzugangs Uros Krasovec auch zum 8:22 (30.). Der erste Treffer im zweiten Durchgang gehörte ebenfalls Jäger, der sein fünftes von insgesamt sechs Toren erzielte.

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Handball Freundschaftsspiel VfL Günzburg gegen Frisch Auf Göppingen Bild: Bernhard Weizenegger

Die Kempa-Buben greifen in die Trickkiste

Auf der anderen Seite des Feldes erwiesen die Göppinger ihrer Vereinsgeschichte Ehre, indem sie wieder einmal zu Kempa-Buben wurden. Vier, fünf Tore erzielten sie über den nach ihrem früheren Spieler und Trainer Bernhard Kempa benannten, immer wieder sehenswerten Trick. Marcel Schiller mit dem Treffer zum 10:29 (37.) und Josip Peric mit dem Tor zum 12:31 (41.) verdienten sich hier die besten Haltungsnoten. Bei den Hausherren stand inzwischen Patrick Rösch und später auch Dennis Mendle im Kasten, doch ihnen waren die vielen Gegentore ebenso wenig anzulasten wie zuvor Patrick Bieber. Vieles ging einfach zu schnell für den Bayernligisten. In der Günzburger Offensive sah dafür manches leichter aus als zuvor. Zuweilen wurden Würfe aus der Hüfte abgefeuert, sehr schöne Kreisanspiele auf Jäger gab’s ebenfalls. Frieder Bandlow hatte ein paar bemerkenswerte Szenen und Niko Hermann gelang ein zwar aus der Not geborener, aber wunderschöner Treffer.

Trotzdem blieb es immer ein ungleiches Kräftemessen, zumal den heimischen Handballern erkennbar die Kräfte schwanden. Über 17:40 (52.), 19:45 (57.) und 20:47 (59.) ging es dem Ende entgegen.